Räume der Gewalt

Die Provokation des Jörg Baberowski

Textkörper

Es ist ein kühler Blick, mit dem Jörg Baberowski die „menschlichen Angelegenheiten“ und die damit verbundene Gewalt betrachtet. Seine Analyse ist unbequem und eignet sich nicht für die Pflege liebgewonnener Einstellungen oder gar Feindbilder. Eine Ideologie lässt sich damit nicht betreiben. Entsprechend freudlos könnte die einschlägige Rezeption ausfallen, wenn sie denn stattfindet.


Vielleicht sollte zu Beginn gleich gesagt werden, welches Buch Baberowski nicht geschrieben hat. Es ist kein Buch, das Erklärungen der Gewalt liefert, die deren Ende herbeisehnen, Ursachen und Methoden liefert, die versprechen, dass Gewalt verschwindet. Es ist kein Heilsbuch. Die Lektüre ist schmerzhaft. Baberowski nimmt sich eine nach der anderen dieser modernen Heilsversprechungen, dieser großen erklärenden Erzählungen über das Leid in der Menschheitsgeschichte und deren Ursachen, vor.


Canettis Zivilisierungshoffnung, Arendts Totalitarismustheorie oder Galtungs Strukturerklärung, um nur einige zu nennen, werden ausgeleuchtet, kenntnisreich und gekonnt, äußerst informativ, knapp und elegant im Stil – um dann bohrenden Fragen ausgesetzt zu werden, unter deren Logik und Schärfe jedes Versprechen auf Klärung zerbröselt, „dekonstruiert“ wird. Dem Lesenden werden scheinbar vertraut geglaubte Sichtweisen genommen. Das ist so verstörend wie einige Behauptungen Baberowskis, die gleich zu Beginn genannt werden. Baberowski sagt, der Mensch sei schon immer das, was er sei. Er komme „vollständig“ auf die Welt, und die Fähigkeit zur Gewalt sei ihm eigen. Nach dieser „ontologischen“ Bestimmung erklären sogenannte Sozialisierungsprozesse nichts, sie beschreiben bestenfalls.

Auf die Frage, warum der Mensch gewalttätig sei, lautet die lakonische Antwort, weil sie oder er es kann. Dabei gebe es drei Arten von Situationen in denen Gewalt erlebt wird: als Täter, als Zuschauer und als Opfer.

Aber Baberowski wollte keine Dekonstruktion bestehender Erklärungsmodelle von Gewalt schreiben und es damit bewenden lassen. Sein Anliegen geht darüber hinaus. Dazu ein kurz skizziertes Beispiel. Baberowski fragt, ob es Gewalt ohne Täter und Gewalt ohne „offene Wunden“ gibt, also ohne direkte Verletzung eines menschlichen Körpers. 1975 hat der Friedensforscher Johan Galtung diese Frage in der Essaysammlung „Strukturelle Gewalt“ mit Ja beantwortet. Dieses Buch, es bestand aus Aufsätzen, die in den sechziger und siebziger Jahren entstanden waren, fasst die Sehnsucht und das Lebensgefühl von Millionen in Worte. Das Elend der Welt, Gewalt und Hunger, ließen sich beseitigen, so Galtung, wenn erst einmal erkannt werde, dass all dies die Ursache repressiver Verhältnisse sei. Es seien immer die Verhältnisse, die letztlich auf einer Art von Abhängigkeit beruhten, die Gewalt erzeugt. Abhängigkeit und die Begrenzung durch andere ist dann eine Form von Gewalt. Werden diese „Konstrukte“ beseitigt, verschwindet Gewalt. Körperliche Gewalt, als gewissermaßen „sekundäre“ Gewalt, gibt es in diesem Denkkosmos nur als Ergebnis von Unterdrückung und als Zeichen dafür, dass sich Menschen aus Verhältnissen der Hörigkeit befreien wollen. Sie hatten keine andere Wahl, als zu schlagen und zu töten. Die Definition von Galtung lautet: „Gewalt liegt dann vor, wenn Menschen so beeinflusst werden, dass ihre aktuelle somatische und geistige Verwirklichung geringer ist als ihre potentielle Verwirklichung.“ Gewalt wird damit zum Unterschied zwischen dem, was ist, und dem, was hätte sein können. Hinter Galtungs Konzept steht eine Idee vom Menschen, die im Sinne Rousseaus sagt, der Mensch sei als solcher frei. Er werde aber von Hierarchien und Ordnungen daran gehindert, zu werden, was er sein könnte. Das erzeuge Aggression. Sobald dieser „Sachzusammenhang“ erkannt und beseitigt werde, verwandle sich die Welt in einen Ort ohne Hierarchien und Zwänge.

Es verwundert bei Baberowski nicht, dass er derlei Betrachtungen, die darauf abzielen, Gewalt unter Menschen jetzt und als Möglichkeit ein für alle Mal eliminieren zu wollen, wohl für naiv, wenn nicht für gefährlich hält. Baberowski bestreitet, dass es Gewalt ohne Täter gibt, die nicht fassbar scheint. Und er bestreitet, dass jede Art von Ungleichheit Gewalt sei. Ganz im Gegenteil, sagt Baberowski, es gebe keine Ordnung ohne Ungleichheit. Aber Ungleichheit und Ungerechtigkeit seien keine Gewalt. Wäre es so, müsste jede hierarchische Ordnung als Gewaltverhältnis beschrieben werden. Tatsächlich, so Baberowski, seien komplexe gesellschaftliche Ordnungen Versicherungen gegen Willkür und Gewalt und würden genau deshalb entwickelt. Aber diese „Versicherungen“ sind nur begrenzt belastbar und können zudem missbraucht werden. Das Gewaltmonopol des Staates ist dafür ein gutes Beispiel, gleichgültig, ob es demokratisch oder autokratisch legitimiert sei. Die Entwicklung von Zivilisationsprozessen im Sinne Canettis hegen Gewaltpotenziale bestenfalls ein, beseitigen diese aber niemals. Werden diese Prozesse brüchig, erodieren Ordnungen, gar ganze Gesellschaften, entstehen neue Räume. Räume, die sich auf Orte beziehen und auf Möglichkeiten, dort „frei“, ohne Sanktionsdrohung zu handeln. Es sind oftmals Räume der Gewalt, die auf diese Weise entstehen. Unabhängig davon wie „niveauvoll“ im Zivilisationsprozess gerade noch im Augenblick zuvor debattiert und gehandelt wurde.

Auf die Frage, warum Menschen sich gegenseitig Gewalt antun, antwortet Baberowski, weil sie es können. Und sie können es dort besonders gut, wo niemand hinschaut, wo ordnungsfreie Räume entstehen, für Augenblicke oder für Generationen. Das gilt nicht für alle und jeden und immer, aber für genügend, wie man weiß. Und auch für Menschen, die „das nie von sich gedacht hätten“, weil sie einfach noch niemals in einer Situation waren, in der Gewalt von ihnen eingefordert wurde – oder ohne Schaden für die eigene Person für sie möglich war.


Die Argumente, die Baberowski formuliert, machen sein Buch zu einer eindringlichen Mahnung. Es weist darauf hin, dass jede gesellschaftliche Ordnung – und sei sie die humanste und denkbar gerechteste – nicht denkbar ist ohne Macht, die in der Lage ist, die legitimierten Vereinbarungen glaubhaft zu sichern. Und glaubhaft ist nur die Anwendung von Gewalt als plausible Möglichkeit. Eine Macht, die darüber nicht verfügt, ist machtlos. Und „schlechte“ staatliche oder gesellschaftliche Systeme – was immer das im Einzelnen sei – sind, besteht die Alternative, ihrer Vernichtung vorzuziehen. Das Risiko unter Menschen wird sonst unkalkulierbar. Das ist die Gefahr, das Risiko, mit dem jede gesellschaftliche Veränderung spielt, die weniger auf Transformation als auf Revolution setzt und sich dabei der Gefahr aussetzt, die „alte Ordnung“ zwar zerstören zu können, aber für eine Neuordnung keine Kraft mehr zu haben.

Diese Gefahr revolutionärer Massaker, moralisch gut begründet, die Baberowski aufzeigt, erinnert an die berüchtigtste und umstrittenste aller politischen Äußerungen, die Goethe getan hat. Er sagte, es liege nun einmal in seiner, Goethes, Natur. Er wolle lieber eine Ungerechtigkeit begehen als Unordnung ertragen. Goethe sagte dies unter dem Eindruck der unmittelbar erlebten Vorkommnisse und Gräueltaten während der Besetzung von Mainz durch französische Revolutionstruppen und in Folge der Rückeroberung der Stadt durch Reichsverbände. Dazwischen gab es Tage und Orte und damit sich öffnende Räume ohne Orientierung und Verlässlichkeit. Jeder traute jedem alles zu und wurde nicht enttäuscht. Gustav Seibt hat Goethes Satz und den Begleitumständen „Mit einer Art von Wut“ (2014) ein brillantes Essay gewidmet.

 

Erscheinungsjahr
2016

Literatur

Literatur

Räume der Gewalt
Jörg Baberowski
19,99 Euro
Erschienen bei S.Fischer