Ein anerkanntes Handwerk damals, das es heute noch gibt. Der heutige Schönfärber hat allerdings einen schweren Stand. Er oder sie gilt als jemand, der etwas schönreden, aufputzen, bemänteln oder die Dinge in ein rosiges Licht rücken möchte. Das ist meist nicht als Kompliment gemeint, sondern als Beleidigung der kritischen Vernunft, über die ja alle reichlich verfügen. In Vergessenheit geraten ist hingegen der Schwarzfärber, den es glücklicherweise als Zunftkollegen des Schönfärbers im Mittelalter auch gab. Er färbte Stoffe schwarz. Sein heutiger Kollege ist womöglich der Schwarzmaler. Er oder sie genießt eine gewisse Reputation. Katastrophe und Untergang gehen immer. [S. 71] Fast könnte man von einem Bedürfnis sprechen, das nur allzu menschlich ist, denn wir Menschen sind einfach negativ. Man weiß heute auch, warum das so ist. Und es scheint uns sehr geholfen zu haben – bis jetzt.
Im Gehirn des Menschen gibt es die Amygdala, auch Mandelkernkomplex genannt. Sie fungiert vor allem als „Bedrohungszentrum“ des Gehirns und filtert in Sekundenbruchteilen immer und ständig aus allen Sinneswahrnehmungen bedrohlich Erscheinendes heraus. Davon merken wir meist nichts, auch wenn wir noch so viel über uns nachsinnen. Über einen superschnellen Nervenkanal werden vermeintlich negative Situationen an emotionale Zentren weitergeleitet und lösen dort Angst oder Wut aus. Diese negativen Erlebnisse werden im assoziativen Gedächtnis gespeichert. Dort sind sie jederzeit wieder aktivierbar, und alle künftigen Situationen, die wir erleben, werden mit den bisher als gefährlich oder unangenehm erlebten abgeglichen. Gleichen sich scheinbar die Ereignisse, lösen sie ähnliche negative Empfindungen und Reaktionen aus. Wir sind dann also schon mal „vorgewarnt“. So ist es uns möglich, in der Zeit eines Wimpernschlags eine uns fremde Person einzuschätzen. Wir können aus einer Menge lachender Gesichter ein einzelnes wütendes sofort herausfiltern. Umgekehrt schaffen wir das leider gar nicht, wäre im Alltag aber sicher manchmal nützlich. Negative Informationen werden sehr sorgfältig verarbeitet, positive eher lax, wenn überhaupt. Daniel Kahneman und Amos Tversky haben ihr halbes Forscherleben damit verbracht, herauszufinden, warum Menschen sind, wie sie sind. Als Verhaltensökonomen haben sie festgestellt, dass alle Säugetiere das System der Amygdala im Gehirn haben, das darauf angelegt ist, schlechten Nachrichten den Vorzug zu geben. Bislang wurde kein vergleichbar effizienter Mechanismus für das Erkennen guter Neuigkeiten entdeckt. Natürlich hat das alles mit der evolutionären Geschichte zu tun. Früher, in der Savanne, schreibt Kahneman, haben Negativität und Flucht besser das Überleben gesichert als Positivität und Annäherung. Aber heute?
Heute haben wir die Medien. Diese berichten ständig über Dinge, die wir sonst nicht wüssten. Unter Journalisten gibt es den abgedroschenen Kalauer good news are bad news. Akademisch anspruchsvoller, aber mit dem gleichen Ergebnis, legt die Theorie der Nachrichtenwerte dar, dass Ereignisse, die negativ, bedrohlich, skandalisierbar sind, genau deshalb und weitaus häufiger in den Medien auftauchen als andere Ereignisse, die nicht diese Merkmale aufweisen. Das ist nicht verwunderlich. Das ist der Job, den Medien zu leisten haben. Dafür sind sie da. Schließlich wollen wir gewarnt sein, Bescheid wissen, wenn etwas schief läuft. Manche Medien sind wie die Amygdala der Gesellschaft. Aber es gibt weitere Gründe, warum positive Ereignisse kaum Aufmerksamkeit erlangen. Einfach deshalb, weil es in aller Regel keine Ereignisse sind, sondern Prozesse, die über einen langen Zeitraum hinweg beobachtet werden müssten. Leider haben wir noch kein System gefunden, das ähnlich effizient darüber informiert, wenn etwas gut läuft. Und es läuft sehr viel sehr gut. Wer die medial vermittelte Wirklichkeit ernst nimmt, dessen Wirklichkeit ist immer verzerrt. Kognitionspsychologen nennen das bias. Das ist das Dilemma. Journalistinnen und Journalisten wissen das. Medien berichten wenig Gutes und wenig darüber, wie in den Medien berichtet wird. Das ist der blinde Fleck. Das Auge sieht sich nicht selbst. Dieser Satz ist keine Medienkritik, sondern die Aufforderung, gelungene Entwicklungen medial zu inszenieren und dabei maximale Aufmerksamkeit auf sie zu lenken. Das ist zweifellos ungewohnt und eine intelligente Herausforderung. Das Leben in der Savanne ist Vergangenheit. Das sollte bedacht werden.
Jugendliche sind in besonderer Weise von dieser Verzerrung betroffen. Sie werden wahlweise mit steigender Gewalt, Schulversagen, Drogenproblematik oder Arbeitsunlust in Verbindung gebracht. Es scheint sich um eine gefährliche Ethnie zu handeln. Mit der Wirklichkeit hat das nichts zu tun. Alle überprüfbaren Daten berichten das Gegenteil. [S. 6] Die Zahl der Gewalttaten Jugendlicher hat sich innerhalb von zehn Jahren halbiert, Jugendarbeitslosigkeit hat einen beispiellosen Tiefstand erreicht, Engagement und Werteorientierung Jugendlicher sind seit Jahren stabil. Es sind gute Nachrichten. Forscher sprechen gar von einer Dividende, die die Gesellschaft jetzt erhalte. Das klingt schön, etwa schöngefärbt? Lesen Sie am besten selbst, worum es geht. Und tragen Sie diese Schönfärberei weiter.