Ich schraube, also bin ich

Neues zum Thema Bildung

Matthew B. Crawford möchte in seinem Buch für ein Ideal werben, das zeitlos ist, heute jedoch kaum noch Fürsprecher findet: für das handwerkliche Können und die darin zum Ausdruck kommende Einstellung zur von Menschenhand geschaffenen, dinglichen Welt. Es geht also um Weltbildung. 

Ullstein Buch Verlage

Textkörper

Crawford beschreibt, wie sich um das Jahr 1985 in den pädagogischen Fachzeitschriften Artikel mit Titeln wie „Die rasante technologische Revolution“ und „Wie man die Jugend auf die Hochtechnologie und die globale Zukunft vorbereitet“ verbreiten. Die westliche Zukunftsgläubigkeit ist dabei nichts Neues. Neu ist jedoch das Bündnis der Zukunftsgläubigen mit Anhängern eines Konzepts, das man als „Virtualismus“ bezeichnen könnte. Dies ist die Vision einer Zukunft, in der wir irgendwie die materielle Wirklichkeit hinter uns lassen und in eine reine Informationsökonomie hinübergleiten. Ganz so neu sind diese Vorstellungen gar nicht – man versichert uns seit mittlerweile 50 Jahren, wir befinden uns auf dem Weg in eine „postindustrielle Gesellschaft“.


Im Buch von Crawford geht es weniger um Ökonomie, sondern vielmehr um die Erfahrung, Dinge zu bauen und zu reparieren, und welches Bildungsverständnis damit ermöglicht wird oder eben nicht. Er geht dort der Frage nach, was es bedeutet, wenn derartige Erfahrungen aus dem täglichen Leben junger Menschen verschwinden. Wie wirkt sich dieser Verlust auf die Aussicht auf ein erfülltes Leben aus? Befriedigt der Einsatz von Werkzeugen möglicherweise ein in der menschlichen Natur verankertes Bedürfnis? Indem Crawford sich für eine erneuerte Kultur des handwerklichen Könnens ausspricht, begibt er sich in Widerspruch zu bestimmten Patentrezepten für Arbeit und Konsum. Damit beinhaltet dieses Buch nicht nur eine aktuelle Kritik der sogenannten Wissensgesellschaft, die viel weiß und nichts kann, sondern auch eine bemerkenswerte Darstellung der Entwicklung dessen, was wir heute postindustrielles Denken nennen. Es wird deutlich, wie die Einführung des Fließbandes zur systematischen Zerstörung des Handwerks führte, wie mühsam es war, selbstbewusste unabhängige Handwerkerinnen und Handwerker an serielle Industriearbeit zu gewöhnen, und wie letztlich heute sogenannte moderne Wissensarbeit nichts anderes ist als intellektuelle tayloristische Fließbandarbeit, gegenstandslos, ersetzbar, virtuell.


Crawford liefert in einer eleganten, bemerkenswert klaren und differenzierten Sprache eine Analyse unseres Bildungsverständnisses und dessen Entwicklung während der letzten 200 Jahre. Dabei werden die Dinge nicht vereinfacht, aber auch niemals Komplexität um ihrer selbst willen fabriziert. Das verbietet sich auch bei einem Philosophen, der gleichzeitig ausgebildeter Motorradmechaniker ist und erfolgreich eine Reparaturwerkstatt betreibt. Crawford setzt sich gekonnt kritisch – und man muss hinzufügen: endlich – mit dem Schlagwort der „Kreativitätswirtschaft“ auseinander und bescheinigt dem Kultautor Richard Florida, der in seinem Weltbestseller „The Rise of Creativ Class“ der Backpack-Autor der städtischen Bohème geworden ist, nichts weiter als Luftblasen zu produzieren. Crawford kommentiert dabei in seiner Studie knapp und präzise die wesentlichen Aussagen von Klassikern wie Thomas Hobbes, Hannah Arendt, Richard Sennett, Karl Marx und anderen, die sich mit Arbeit und menschlicher Tätigkeit auseinandergesetzt haben. Ich schraube, also bin ich ist ein Buch für alle Bildungshandwerkerinnen und Bildungshandwerker, die sich mit den Dingen dieser Welt auseinandersetzen wollen. Unbedingt zu empfehlen.

 

Erscheinungsjahr
2013

Literatur

Literatur

Matthew B. Crawford
Ich schraube, also bin ich
Ullstein Verlag, Berlin
304 Seiten
11,99 €